MR Übersetzungsliteratur
im dt. Frühhumanismus

MRFHMarburger Repertorium zur
Übersetzungsliteratur im deutschen Frühhumanismus

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Gerwin von Hameln

Gerwin von Hameln, dessen Familie dem wohlhabenden Stadtbürgertum angehörte, wurde um 1415 geboren. Er studierte in Leipzig und übernahm 1438 in Braunschweig das gutdotierte Amt des Stadtschreibers, das er über 50 Jahre mit Erfolg ausübte. Als clericus Hildeshemensis diocesis wurde er darüber hinaus 1445 zum Priester der Heilig-Geist-Kapelle vor den Toren Braunschweigs ernannt und hatte dieses Amt bis kurz vor seinem Tod inne. 1496 ist Gerwin von Hameln verstorben.

Gerwin von Hameln zählte zu den bedeutendsten Büchersammlern im norddeutschen Raum. Seine Sammlung, die mind. 336 Bücher überwiegend theologischen und juristischen Inhalts umfasste, vermachte er 1495 der liberie to sunte Andrease in Braunschweig, die Johann Ember, der Pfarrer der Andreas-Kirche, Anfang des 15. Jahrhunderts begründet hatte. Gleichzeitig verfügte Gerwin, dass seine Bücher den Geistlichen und Studierten, den Doctores, Licentiaten, Sindici, Prothonotarii et Secretarii, sowie den Ratsmitgliedern zur Benutzung im der Bibliothek zur Verfügung standen. Alle seine Bücher, die in der liberei an Ketten gesichert waren, tragen, wie die lateinisch-deutsche Boethius-Ausgabe 'De consolatione philosophiae', die 1473 erstmals bei Anton Koberger in Nürnberg (MRFH 20450) gedruckt wurde, den Vermerk Orate pro Gherwino de hamelen datore.

Die Andreana erlangte rasch über Braunschweig hinaus den Ruf einer ausgezeichneten Forschungsbibliothek und wurde von Humanisten und Theologen wie etwa dem protestantischen Matthias Flacius genutzt. Im 17. Jahrhundert zerfiel die Bibliothek; nur noch ca. 40 % der Sammlung blieb erhalten. Die Bände befinden sich heute vor allem in Wolfenbüttel, Hannover, Braunschweig und Göttingen.

Verf.: cbk.

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Literatur:

HAUCAP-NAß, A. / BEHR, H.-J. (Hgg.): Gerwin von Hameln, Braunschweiger Büchersammler im späten Mittelalter. Katalog der Ausstellung im Städtischen Museum Braunschweig vom 5. September – 27. Oktober 1996 (Braunschweiger Werkstücke 43). Braunschweig 1996.
HAUCAP-NAß, A.: Der Braunschweiger Stadtschreiber Gerwin von Hameln und seine Bibliothek (Wolfenbütteler Mittelalter-Studien 8). Wiesbaden 1995.
NENTWIG, H.: Das ältere Buchwesen in Braunschweig. Beitrag zur Geschichte der Stadtbibliothek. Nach archivalischen Quellen und anderen Urkunden. In: XXV. Beiheft zum Centralblatt für Bibliothekswesen. Leipzig 1901 (Digitalisat).
HERBST, H.: Die Bibliothek der Andreaskirche zu Braunschweig. In: Zentralblatt für Bibliothekswesen 58, Heft 9/10 (Sept./Okt. 1941), S. 301–338.

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Wappen von Gerwin von Hameln. Quelle: HAUCAP-NAß, A. / BEHR, H.-J. (Hgg.): Gerwin von Hameln, Braunschweiger Büchersammler im späten Mittelalter. Katalog der Ausstellung im Städtischen Museum Braunschweig vom 5. September – 27. Oktober 1996 (Braunschweiger Werkstücke 43). Braunschweig 1996, Umschlag.

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Inkunabel: Braunschweig, StB, Inc. 204. Besitzer: Gerwin von Hameln (1474/1478). Quelle: Stadtbibliothek Braunschweig (digital).

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Liberei in Braunschweig (Ansicht von Südwesten). Quelle: Brunswyk at wikipedia (digital).
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Version vom 30. 08. 2012 (MRFH). Permanent Link: mrfh.de/0695.