MR Übersetzungsliteratur
im dt. Frühhumanismus

MRFHMarburger Repertorium zur
Übersetzungsliteratur im deutschen Frühhumanismus

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Herren von Frundsberg

Das Tiroler Geschlecht der Herren von Frundsberg (Freundsberg) besaß seit 1467 auch die Herrschaft Mindelheim in Bayrisch-Schwaben. Ihr letzter männlicher Vertreter, Georg II. von Frundsberg, hinterließ bei seinem Tode 1586 eine reiche Bibliothek, die 634 gebundene Bücher und noch eine Reihe von Einzeldrucken (Flugschriften, Traktate usw.) und Archivalien umfasste. Neben einer stattlichen Zahl an Theologici (Bibeln, Predigten, Gebet- und Erbauungsbüchern) umfasste die Librej, wie aus dem Verzeichnis von 1589 hervorgeht, auch rund 150 Historici. Unter dieser Sammelbezeichnung wurden Chroniken und Geschichtswerke ebenso wie Romane, Schwankbücher und Novellensammlungen subsumiert.

An höfischer Versliteratur waren z.B. der 'Titurel', Werke der Dietrichepik, 'Gauriel von Montalban', 'Wilhelm von Orlens', aber auch die 'Möhrin' Hermanns von Sachsenheim vertreten, von den neueren Erzählwerken in Prosa besaßen die Herren von Frundsberg sowohl Handschriften (u.a. mehrere geschribene 'Melusine' vgl. Geldner Nr. 412 u. 431), Chanson de Geste-Adaptionen wie 'Hug Schapel' oder 'Loher und Maler', in gedruckter Form vermutlich die Prosafassungen des 'Tristrant', 'Wigalois vom Rad', 'Fortunatus' und der 'schönen Magelona'. Aber auch Übersetzungen antiker und humanistischer Autoren waren in stattlicher Anzahl vorhanden: mehrere Boccaccij, eine italienische 'Decameron'-Ausgabe (vgl. Geldner Nr. 359) und zwei deutsche Drucke der Cento Nouella, darunter die erste illustrierte Ausgabe, die Anton Sorg 1490 auf den Markt brachte (= MRFH 20380; vgl. Geldner Nr. 408 u. 321). Auch Steinhöwels Übersetzung von Boccaccios 'De claris mulieribus' ist in zwei deutschen Ausgaben, darunter vermutlich die Straßburger Inkunabel (J. Prüss 1488 = MRFH 20430, vgl. Geldner Nr. 427 u. 455), vertreten. Darüber hinaus besaß man die deutsche Ausgabe von Boccaccios 'De casibus virorum illustrium (ebd. Nr. 342), die 1545 in Augsburg in der Übersetzung des Hieronymus Ziegler herauskam. An Werken der frühhumanistischen Übersetzungsliteratur waren ferner vertreten: Steinhöwels 'Aesop' in der lateinisch-deutschen Erstausgabe (Ulm, Johann Zainer, 1476 = MRFH20010, vgl. Geldner Nr. 587), seine 'Tütsche Cronica' in zwei Ausgaben, vermutlich auch dem Ulmer Erstdruck (= MRFH 20970, vgl. Geldner Nr. 316-317), Albrechts von Eyb: 'Spiegel der Sitten' in zwei Exemplaren (Augsburg 1511 = MRFH30220, vgl. Geldner 465 u. 573), die Gesamtausgabe von Wyles 'Translationen' (ebd. Nr. 572) und eine Teiledition seiner 'Colores Rhetoricales' in Alexander Hugens von Calw 'Rhetorica und Teutsch Formulare' (ebd. Nr. 566). Vertreten waren auch Enea Silvio Piccolominis 'De miseriis curialium' in der Übersetzung Wilhelms von Hirnkofen (Esslingen, Conrad Fyner, um 1478 = MRFH 21250, vgl. Geldner Nr. 610), Sebastian Brants 'Narrenschiff' (ebd. Nr. 593), Vegetius 'Epitoma de re militaris' und Petrus de Crescentiis: 'Ruralium commodorum' (ebd. Nr. 584 u. 468), die ebenfalls in deutschen Ausgaben verfügbar waren, sowie zwei Drucke der 'Schedelschen Weltchronik'', die nach den Einträgen (mit iren figuren bzw. von Anfang der Welt biß auf jezige vnnsere Zeit) wohl deutsche Inkunabeln waren (vgl. Geldner Nr. 312 u. 341). Leider konnten bislang keine heutigen Besitznachweise für diese Bücher erbracht werden.

Die stattliche Bibliothek, die Georg II. von Frundsberg hinterließ und die am Ende des 16. Jahrhunderts in den Besitz Christophs Fugger von Kirchberg überging, ist über Generationen gewachsen und — wie Mehrfachausgaben und Dublikate nahelegen — aus verschiedenen Büchersammlungen einzelner Angehöriger des Geschlechts hervorgegangen. Großen Anteil dürften u.a. schon Ulrich von Frundsberg (gest. 1501) und seine Söhne an der Sammlung gehabt haben. Ulrich, den Friedrich III. anläßlich seiner Kaiserkrönung in Rom 1452 zum Ritter geschlagen hatte, war Hauptmann des Schwäbischen Bundes und mit Barbara von Rechberg vermählt, über die der Besitz Mindelheim an die Frundsberger kam. Er stand in den Diensten Herzogs Sigmunds von Tirol, für den er 1472 eine Gesandschaftsreise nach Rom machte, und Kaiser Maximilians I., zu dessen Räten er zählte (vgl. Zöpfl [1948], S. 39f.).

Seine Söhne übernahmen nach seinem Tod gemeinsam die Herrschaft Mindelheim. Ulrich, Bischof von Trient, war bereits 1493 gestorben; über seinen Besitz könnten eine Reihe der theologischen und juristischen Werke in die Sammlung gelangt sein, vielleicht auch die italienische 'Decameron'-Ausgabe. Ebenfalls Thomas von Frundsberg, vermählt mit Ursula von Waldburg, war schon vor dem Vater gestorben, seine Söhne traten gemeinsam mit den noch lebenden Brüdern Adam und Georg das Erbe in Mindelheim an. Georg I. von Frundsberg (1473-1528), der "berühmteste des ganzen Geschlechts" (ebd. S. 42), trat wie sein Vater früh in kaiserliche Dienste ein und wurde ein berühmter Feldherr. Bereits 1499 nahm er am Schwabenkrieg gegen die Schweizer Eidgenossen teil und befehligte wenig später das Heer, das Maximilian I. dem Herzog von Mailand zur Hilfe schickte. Nachdem er 1504 im Kampf gegen die Böhmen das feindliche Banner erobert hatte, schlug ihn Maximilian zum Ritter. 1512 machte er ihn zu seinem Hauptmann von Tirol und belehnte ihn mit Schloss Runkelstein bei Bozen. 1521 ernannte Kaiser Karl IV. Georg von Frundsberg zu seinem obersten Hauptmann und kaiserlichen Rat. Sein militärisches Geschick (Sieg u.a. über die venezianischen Truppen bei Creazzo 1513; Schlacht von Pavia 1524) brachte ihm den Namen 'Vater der Landsknechte' ein. Georgs Wahlspruch lautete Viel Feind, viel Ehr. Er starb am 20. August 1528 auf seinem Stammsitz, der Mindelburg.

Am Hof der Frundsberger in Schwaben erhielten eine Reihe junger Adeliger ihre ritterliche Ausbildung; auch beherbergte man auf der Mindelburg im 15./16. Jahrhundert bedeutende Persönlichkeiten. Zu Gast waren u.a. Kaiser Maximilian I., Franz Sforza, Herzog von Mailand, Martin Luther, Johannes Staupitz und der Kosmograph Sebastian Münster. Durch Connubium bestanden zudem verwandschaftliche Beziehungen bis in den Hochadel hinein. Aus diesem engen Geflecht — sowohl zu den Habsburgern, in dessen Diensten die Frundsberger standen, als auch ehelichen Verbindungen mit den Häusern von Montfort, Waldburg und Rechberg sowie persönlichen Beziehungen zu bedeutenden Gelehrten der Zeit — erklärt sich der Reichtum und die faszinierende Vielfalt dieser Adelsbibliothek, die mittelalterliche und humanistische Werke, belehrende wie unterhaltende Literatur, darüber hinaus auch juristische, theologische, historische und militärtechnische Schriften vereint. Es bleibt ein dringendes Forschungsdesiderat, zumindest ein Teil dieser Bibliothek wieder aufzufinden.

Verf.: cbk.

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Literatur:

Geldner, F.: Die Bibliothek der Herren von Frundsberg auf der Mindelburg. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens IX,1 (1967), S. 239-294.
Reißner, A.: Historia der Herren Georg und Kaspar von Frundsberg, nach der 2. Aufl. von 1572. Hrsg. von K. Schottenloher (Voigtländers Quellenbücher 66), Leipzig 1910/1914.
Zöpfl, F.: Die Bibliothek der Herren von Frundsberg. In. Zeitschrift des historischen Vereins für Schwaben und Neuburg 52 (1936), S. 61-84.
Zöpfl, F.: Georg von Frundsberg. In: NDB 5 (1961), S. 670f..
Zöpfl, F.: Geschichte der Stadt Mindelheim, München 1948 , ins. S- 39-61.

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Quelle: Verlag W. Sachon: Aus der Geschichte der Mindelburg. (online).

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Quelle: Geldner, F.: Die Bibliothek der Herren von Frundsberg auf der Mindelburg. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens IX,1 (1967), S. 239-294, hier S. 239.

Version vom 12. 04. 2014 (MRFH). Permanent Link: mrfh.de/2974.