MR Übersetzungsliteratur
im dt. Frühhumanismus

MRFHMarburger Repertorium zur
Übersetzungsliteratur im deutschen Frühhumanismus

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    Johann Tuchscherer

    Dedikationen

    Wilhelm von Hirnkofen: 'De miseriis curialium', dt.
    Georg Alt: gerichtes handel vor got dem almechtigen

    Leben

    Johann (Hans) Tuchscherer stammte aus Ulm und wurde im Jahr 1466 Bürger in Nürnberg, wo er bis 1504 als Gerichtsschreiber tätig war. Laut den Totengeläutbüchern war er zweimal verheiratet: in 1. Ehe mit Elsbeth († 1488) und in 2. Ehe mit Barbara († 1503). 1473 bewarb er sich schriftlich bei dem Ulmer Stadtschreiber Dr. Peter Neithart um dessen Nachfolge, für den Fall, dass Neithart sein Amt abgeben wolle. Als dieser 1485 starb, blieb Tuchscherer jedoch in Nürnberg, wo er zwischen dem 17. Dezember 1505 und dem 4. März 1506 starb.

    Als Gerichtsschreiber der Ratskanzlei der Reichsstadt Nürnberg gehörte Tuchscherer zur "eigentliche[n] Schaltstelle des Inneren Rates, der aus dem Kreis der Sieben Herren Älteren (Septemvirat) zwei 'Kanzleiherren' ernannte." (Fleischmann, Ratskanzlei, S. 857) Durch diese Tätigkeit ergaben sich, vor allem über Hans Tucher, Verbindungen zum humanistischen Kreis in Nürnberg. Darüber hinaus war er Onkel Wilhelms von Hirnkofen, der den Rats gericht losung vnd Cantzleischribern , u.a. Johann Tuchscherer, Michael Cramer, Georg Alt und Jörg Spengler (zunächst Gehilfe Tuchscherers), seine Übersetzung von Piccolominis 'De miseriis curialium' unter dem Titel 'Von Armut, Unruhe und Trübsal der Hofleute' widmete. Auf Anregung Johann Tuchscherers und Michael Cramer entstand vermutlich Georg Alts Übersetzung des 'Processus Sathanae contra genus humanum', die beiden Gerichtsschreibern gewidmet ist.

    Nach 1480 legte Tuchscherer ein Ratschlagbuch mit dem Titel Rathschleg zu den wahren seltzamen hanndeln, lateinisch vnd tewtsch begriffen an, in dem er vor allem die bereits archivierten Unterlagen zu Prozessen (wie z.B. Konsilien von Universitätsjuristen aus Padua) sammelte und für die Benutzung aufbereitete. Zweck dieser Sammlung war wahrscheinlich, dem Nürnberger Rat Gerichtshendel von allen Sachen, die auch gut zu wissen sein zugänglich zu machen.

    Verf.: jes.

    Literatur:

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    Widmung Hirnkofens an Johann Tuchscherer und Michael Cramer. In: Druck: Esslingen: Konrad Fyner, nach dem 4. Oktober 1478, 2. Ex. München, Bl. 7. Quelle: BSB-Ink = Bayerische Staatsbibliothek. Inkunabelkatalog online. München.

    Version vom 11. 07. 2012 (MRFH). Permanent Link: mrfh.de/2650.