MR Übersetzungsliteratur
im dt. Frühhumanismus

MRFHMarburger Repertorium zur
Übersetzungsliteratur im deutschen Frühhumanismus

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    Margarethe von Savoyen

    Dedikationen

    Niklas von Wyle: 9. Translation: Traktat Felix Hemmerlis (Von den Lolharden und Begarden)

    Leben

    Margarethe (* 1420 in Morges, † 1479 in Stuttgart) wurde als jüngste Tochter Herzogs Amadeus VIII. von Savoyen (dem späteren Gegenpapst Felix V.) und seiner Gemahlin Marie de Bourgogne geboren. Sie wuchs in einer Umgebung auf, „in der die Pflege von Literatur, Kunst und Musik bereits eine längere Tradition besaß“ (Backes, S. 177). Während ihre Mutter, eine Tochter Herzog Philipps des Kühnen, sie mit der burgundischen Hofkultur vertraut machte, war sie väterlicherseits eine Urenkelin des französischen Herzogs Jean de Berry (1340-1416), eines der bedeutendsten Mäzene und Handschriftensammler des Mittelalters. Schon mit vierzehn Jahren heiratete Margarethe Ludwig III., Herzog von Anjou und Tituralkönig von Sizilien. Nach dem frühen Tod ihres Gemahls wurde sie in zweiter Ehe mit Kurfürst Ludwig IV. vermählt. Durch ihre dritte Ehe mit Graf Ulrich V. von Württemberg kam Margarethe schließlich 1453 als verwitwete Pfalzgräfin an den Stuttgarter Hof.

    Margarethe, die französisch gebildet war und der Martin LeFrance 1440 das höchste Lob im 'Champion des dames' zuerkannte, zeigte ein vielseitiges literarisches Interesse. Von ihren Bücherschätzen sind allerdings nur noch vereinzelte Handschriften nachzuweisen, da sie in Folge der Mitgiftforderung ihres Schwagers, des Pfalzgrafen Friedrichs, einen Großteil ihres Buchbesitzes in Heidelberg zurücklassen musste. Bedingt durch diesen Umstand ersetzte Margarethe ihre literarische Sammlung am Stuttgarter Hof durch neue Handschriften in deutscher Sprache. Dabei bevorzugte die Gräfin reich illustrierte Werke, die sie für ihre Bibliothek anfertigen ließ oder auslieh.

    So befand sich zum Beispiel die Donaueschinger Prachthandschrift der 'Weltchronik' des Rudolf von Ems zeitweise in ihrem Besitz (vgl. Backes, S. 182). In den 70er Jahren bestellte die Fürstin eine Reihe von deutschen Bilderhandschriften in der Werkstatt Ludwig Henfflins, u. a. den 'Lohengrin' und den Prosaroman 'Pontus und Sidonia'. Auch die einzige Bilderhandschrift des 'Ackermann aus Böhmen' wurde im Auftrag Margarethes angefertigt, wie Wappen und Monogramm in der Handschrift bezeugen. Einen Höhepunkt ihrer Sammlung hätte zweifelsohne auch das Gebetbuch ihres Cousins Karls des Kühnen dargestellt. Jedoch gelang es Margarethe nicht, diesen Band von den Schweizer Eidgenossen zu erwerben.

    Ebenso lassen sich Kontakte zu Frühhumanisten der ersten Generation nachweisen. So bestanden offenbar engere Beziehungen zu dem Ulmer Stadtarzt Heinrich Steinhöwel (1412-1478), wie ein Brief Steinhöwels an Margarethe von Savoyen aus dem Jahre 1474 bezeugt, der in einem freundschaftlich-vertrauten Ton gehalten ist.

    Niklas von Wyle (um 1415-1479), der seit 1469 als zweiter Kanzler am Württembergischen Hof in Stuttgart tätig war, widmete der Fürstin seine neunte Translatze, die auf den 26. November 1464 datiert ist. Die Handschrift enthält die Übersetzung der lateinischen Schrift 'Contra validos mendicantes' des Züricher Chorherren Felix Hemmerlin und sollte Margarethe bei der Ausübung fürstlicher miltikeit die Entscheidung erleichtern, wem daz hailig armusen zegeben syg vnd wem nit (Backes, S. 185, Anm. 248). Weitere Übersetzungen Wyles für Margarethe blieben in der Folgezeit aus, die Gräfin war hochgebildet und bedurfte daher keines getriuwen dolmetsch. Mit dem Tod Margarethes 1479 ging die reiche literarische Sammlung in den Besitz ihres Sohnes, des Kurfürsten Philipp des Aufrichtigen über.

    Verf.: sl.

    Weiterführende Links:

    Besitzer von Handschriften:

    Literatur:

    Backes, M.: Das literarische Leben am kurpfälzischen Hof zu Heidelberg im 15. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Gönnerforschung des Spätmittelalters. Tübingen 1992, S. 60 u. 177-191.
    Drostel, J.: 'des gerte diu edele herzoginne'. Möglichkeiten und Voraussetzungen weiblicher Teilhabe am mittelalterlichen Literaturbetrieb unter besonderer Berücksichtigung von Mäzenatentum. Frankfurt am Main 2006, S. 393-398.
    Württemberg im Spätmittelalter. Katalog bearb. von J. Fischer, P. Amelung u. W. Irtenkauf, Stuttgart 1985, S. 144ff. u. 166f.
    Lähnemann, H.: Margarethe von Savoyen in ihren literarischen Beziehungen. In: Kasten, I. / Sieber, A. (Hgg.): Höfische Literatur & Klerikerkultur. Wissen — Bildung — Gesellschaft. Xth Triennial Conference der Internationalen Gesellschaft für Höfische Literatur (ICLS) vom 28. Juli bis 3. August 2001 in Tübingen (Encomia Sonderheft). Tübingen 2002, S. 158-173.
    Lorenz, S. / Mertens, D. / Press, V.: Das Haus Württemberg. Ein biographisches Lexikon. Stuttgart / Berlin / Köln 1997.
    Mittler, E. / Werner, W.: Mit der Zeit. Die Kurfürsten von der Pfalz und die Heidelberger Handschriften der Bibliotheca Palatina. Wiesbaden 1986, S. 116-121.
    Terrahe, T.: Heinrich Steinhöwels 'Apollonius'. Edition und Studien (Frühe Neuzeit 179). Berlin / Boston 2013.
    Zimmermann, K. (u. Mitw. v. S. Glauch u.a.): Die Codices Palatini germanici in der Universitätsbibliothek Heidelberg (Cod. Pal. germ. 1-181). Wiesbaden 2003.

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    Ulrich V. von Württemberg und seine drei Ehefrauen Margarethe von Savoyen, Elisabeth von Bayern-Landshut und Margarethe von Cleve (von rechts nach links) (um 1470-80).
    Quelle: Schukraft, H.: Kleine Geschichte des Hauses W├╝rttemberg. T├╝bingen 2006, S. 27.

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    Stundenbuch von Margarethes Vater Herzog Amadeus VIII. von Savoyen: Kreuzigung (Bl. 56v, Quelle: W├╝rttemberg im Sp├Ątmittelalter. Katalog bearb. von J. Fischer, P. Amelung u. W. Irtenkauf, Stuttgart 1985, S. 145.

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    'Lohengrin', 'Friedrich von Schwaben': Wappen der Häuser Württemberg u. Savoyen, Cod. Pal. germ. 345, Bl. 191v, Werkstatt Ludwig Hennfflin, Quelle: Heidelberg, UB, Cpg 345, Bild 404. [Zugriff: 27.04.09; 14:30Uhr].

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    'Pontus und Sidonia' Eleonore von Österreich: Pontus schlägt das heidnische Heer (Bl. 30v), Werkstatt Ludwig Henfflin [um 1475], Quelle: W├╝rttemberg im Sp├Ątmittelalter. Katalog bearb. von J. Fischer, P. Amelung u. W. Irtenkauf, Stuttgart 1985, S. 152.

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    Autograph Steinhöwels. Brief an Margarete von Württemberg.
    Ulm, 27. Mai 1474.
    Quelle: Stuttgart, SArch, A 602 Nr 260.

    Version vom 14. 04. 2014 (MRFH). Permanent Link: mrfh.de/1660.