MR Übersetzungsliteratur
im dt. Frühhumanismus

MRFHMarburger Repertorium zur
Übersetzungsliteratur im deutschen Frühhumanismus

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Hans Neithart

Zeittafel

  • um 1430 geboren

  • ab 1474: Richter in Ulm

  • ab 1465 Pfleger der von seiner Familie gestifteten Bibliothek

  • 1478- ca. 1485: einer der drei Bürgermeister von Ulm

  • gest. vor dem 19. Mai 1490

Wohl um 1430 geboren, entstammt Hans Neithart einer der bedeutendsten Ulmer Patrizierfamilien, die hohe Ämter bekleidete. Bereits Heinrich Neithart hatte 1379 das Amt des Stadtschreibers inne, ihm folgten in diesem Amt seine Söhne Ambrosius, Hans und Dr. Peter Neithardt; sein Sohn Balthasar wurde Stadtschreiber in Nürnberg, während die übrigen Söhne eine geistliche Laufbahn einschlugen. Pfarrer von Ulm waren u.a. Matthäus und Heinrich Neithart (II.); letzterer "stiftete 1437 die Neithardtkapelle im Ulmer Münster mit der damit verbundenen Bibliothek, zu der er selbst mit beeindruckenden 300 Bänden den Grundstock legte" (Lang, Akten, S. IV). Auch in der nächsten Generation treffen wir auf bedeutende Mitglieder dieser Familie, die hohe geistliche oder städtische Positionen innehatten. So konnte der Ulmer Dominikaner Felix Fabri in seinem Tractatus de civitate Ulmensi an dieser Familie rühmen, dass magnificum virum ex eadem stirpe hervorgegangen seien. Unter ihnen hebt er für seine Zeit besonders Hans Neithart hervor, der secularem quidem et sine gradu scholaris eminentiae, sed litteratum historiographum, oratorum et poetarum volumina revolentem, bucolica et comedia, Virgilii Aeneida, Seneca tragedias, Ovidii metamophoses ceteraque acuta legentem, und der trotzdem noch eine Reihe hoher öffentlicher Ämter bekleidete (Amelung, 1972, S. 20).

Gemeinsam mit seinem Onkel, dem Stadtschreiber Dr. Peter Neithart und weiteren Angehörigen, bestimmte die Familie Hans 1465 zum Pfleger der von seinem Onkel Heinrich gestifteten Familienbibliothek (Lang, Urk. S. 19). 1478/79 wurde Hans Neithart erstmals in Ulm zum Bürgermeister gewählt und hatte dieses Amt mindestens bis 1485 (bzw. 1487?) inne. Verheiratet war Hans Neithart mit der Augsburgerin Barbara Nördlinger, die aus einer angesehenen Kaufmannsfamilie stammte, die um 1450 das höchste Einkommen in Augsburg besaß. Gemeinsam mit Heinrich Steinhöwel und weiteren Ulmer Bürgern ließ sich Hans Neithart 1478 in die Heilig-Geist-Bruderschaft in Rom aufnehmen, der auch sein Onkel Dr. Peter Neithart beitrat.

Wie aus dem Traktat Felix Fabris hervorgeht, war Hans Neithart — obwohl ohne akademische Ausbildung — dem Humanismus zugeneigt und schätzte die antiken Autoren. Die Forschung hat dieses Lob bislang fast einhellig mit der Autorschaft des 'Ulmer Terenz' in Verbindung gebracht, obwohl Neithart im Kolophon nur als Heraugeber, d.h. als Initiator und Finanzgeber dieses Druckes benannt wird: Dise Comedia hat Hanns Nythart zuo Vlm lassen trucken den Cuonrad Dinckmuot. Erst als der 'Eunuchus' 13 Jahre nach dem Erstdruck von dem Straßburger Drucker Johann Grüninger 1499 in seine deutsche Gesamtausgabe (MRFH 21450) der Terenz-Komödien aufgenommen wurde, erwähnt die Druckvorrede Hans Neithart als Übersetzer des 'Eunuchus': De- ersammen vnd wysen Hansen nythart Burger zů ulm das er die andern Comedi Eunuchum vor iaren getütscht hat. Ob dieser spätere Hinweis allerdings verlässlich ist, bleibt zweifelhaft. Grüninger kündigte seine Drucke oft mit publikumswirksamen Referenzen an, die keineswegs immer der Wahrheit entsprachen. So behauptet er z.B. in seiner Vorrede zu 'Florio und Bianceffora', dass die schon Hystory vß francösischer sprach in tütsch gebracht worden sei, obwohl die anonyme Übersetzung nicht auf den französischen Roman 'Flore et Blancheflur', sondern auf Boccaccios 'Filocolo' zurückgeht. Daher müssen Grüningers Vorreden eigentlich mit größter Skepsis betrachtet werden.

Die 'Eunuchus'-Komödie des antiken Dichters Publius Terentius Afer, die Konrad Dinckmut 1486 in Ulm druckte, gilt als einzige Übersetzung Neitharts. Aufgrund seines finanziellen Engagements für die 'Schwäbische 'Chronik'' des Thomas Lirer, einem weiteren Druck Konrad Dinckmuts, wird gelegentlich auch eine redaktionelle Mitarbeit des Ulmer Bürgermeisters an der 'Chronik'-Fortsetzung erwogen. Sichere Anhaltspunkte ergeben sich aber auch hier nicht.

Obwohl der 'Ulmer Terenz' in der Forschung bislang fraglos Hans Neithart zugeschrieben wird, bleiben doch erhebliche Zweifel an seiner Verfasserschaft bestehen. Eine neuerliche Prüfung der Verfasserfrage bleibt somit ein dringendes Forschungsdesiderat.

Verf.: cbk.

Literatur:

Amelung, P.: Konrad Dinckmut der Drucker des Ulmer Terenz. Kommentar zum Faksimiledruck 1970 von Peter Amelung. Württembergische Landesbibliothek Stuttgart. Zürich 1972, insb. S. 19-22.
Amelung, P.: Neithart, Hans (Nithart, Nythart, Neythart). In: 2VL 6 (1987), Sp. 899-903.
Graf, K.: Exemplarische Geschichten. Thomas Lirers 'Schwäbische Chronik' und due 'Gmünder Kaiserchronik'. München 1987, ins. S. 32 u. 222.
Lang, ST. Familienarchiv Neithardt. Urkunden. Ulm 2009 (online).
Lang, ST.: Familienarchiv Neithardt. Akten. Stadtarchiv Ulm. Ulm 2009 (online).

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Wappen der Familie Neithart, Quelle: Appuhn, H. (Hg.): Johann Siebmachers Wappenbuch. 2. verb. Aufl. (Die bibliophilen Taschenbücher 538). Dortmund 1989 Tafel 209.

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Büste des Terenz, Chorstuhl im Ulmer Münster, 1469/1474, Quelle:Amelung, P.: Konrad Dinckmut der Drucker des Ulmer Terenz. Kommentar zum Faksimiledruck 1970 von Peter Amelung. Württembergische Landesbibliothek Stuttgart. Zürich 1972, Abb.13.

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Ulmer Terenz, Erstdruck K. Dinckmut 1486, Bl. ii verso, Quelle: online.

Version vom 16. 01. 2015 (MRFH). Permanent Link: mrfh.de/0020.