MR Übersetzungsliteratur
im dt. Frühhumanismus

MRFHMarburger Repertorium zur
Übersetzungsliteratur im deutschen Frühhumanismus

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Verzeichnis: [ Übersetzer ] [ Matthias von Kemnat ]

 

Matthias von Kemnat

Zeittafel

  • geb. am 23. Februar 1429 in Kemnath in der Oberpfalz

  • 23. Februar 1447: Immatrikulation als 'pauper' an der Universität Heidelberg

  • 28. Juli 1449: Erlangung des Baccalaureus artium

  • 1453: Empfang der Priesterweihe in Bamberg

  • 1457: Schüler des italienischen Humanisten Arriginus auf der Plassenburg bei Kulmbach

  • 1457: Rückkehr nach Heidelberg

  • ab ca. 1460: Nachweislich Hofkapellan Friedrichs I. des Siegreichen

  • 1462: Kaplanat an der Heidelberger Schlosskapelle

  • 1463: Erhalt der Pfarrpfründe in Untergrießheim in der Diözese Würzburg

  • 24. September 1465: nach Wiederaufnahme des Studiums Promotion zum Bakkalaureus im kanonischen Recht

  • gest. am 1. April 1476
  • Leben und Werk

    Nach einer von Matthias von Kemnat (bzw. Matthias Widmann von Kemnat) selbst erstellten astronomisch-astrologischen Berechnung fällt das Geburtsdatum des Schriftstellers, Kappelan und Chronisten auf den 23. Februar 1429. Zeugnisse über sein Leben besitzen wir jedoch erst aus dem Jahre 1447, als er sein Studium an der Universität Heidelberg aufnimmt und dort zwei Jahre später mit dem Bakkalaureatsexamen an der Artistenfakultät abschließt.

    In seiner Studienzeit lernte er Jakob Wimpfeling kennen, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Matthias von Kemnat verließ in den folgenden Jahren Heidelberg, empfing 1453 die Priesterweihe in Bamberg und wird 1457 als Schüler des Humanisten Arriginus auf der Plassenburg bei Kulmbach erwähnt.

    Zeitgleich wird sein Denken auch stark durch die Begegnung mit dem kosmographisch wie astronomisch interessierten Reichenbacher Abt Johannes Falkensteiner beeinflusst. Seine später angelegte Sammlung astronomisch-astrologischer Schriften, selbst erstellten Horoskope und Kritiken über das Fehlen eines Lehrstuhls der sciencia quadriavalis an der Heidelberger Universität, zeugen von einer lebenslangen Auseinandersetzung mit der prognostischen Tätigkeit.

    1457 begab sich Matthias von Kemnat zurück nach Heidelberg an den Hof des modernen und dem Humanismus aufgeschlossenen Kurfürsten Friedrich dem Siegreichen. Für ihn schrieb er auch seine 'Chronik', die den Zeitraum von Christi Geburt bis zum Jahr 1475/76 festhalten sollte. Zusätzlich führte Matthias von Kemnat sein Studium in Heidelberg fort und schloss es 1465 mit dem Bakkalaureat im kanonischen Recht ab. Eine enge Freundschaft zu dem in Heidelberg lehrenden Frühhumanisten Peter Luder beeinflusste Matthias von Kemnat nachhaltig in seinem Schaffen. So dürfte die deutsche Übersetzung von Luders Lobrede auf Kurfürst Friedrich I. wohl aus Mathias' Feder stammen; er nahm sie später als Einleitung zum 2. Teil seiner 'Chronik' auf. Vor allem im 2. Teil enthält die 'Chronik' neben historischen Episoden, zahlreiche lateinische Gedichte, Klagereden, Lobgedichte auf Friedrich den Siegreichen, Anekdotisches und autobiographische Mitteilungen. Studt/Worstbrock urteilen: "M.’ eigene Arbeit im 2. Teil der Chronik mit ihren lat. Gedichten bietet einen guten Einblick in die Heidelberger Hofkultur, die unter Friedrich I. zum erstenmal vom Humanismus berührt wird. Die Konzentration auf die Person des Fürsten und die panegyrische Haltung des Verfassers verleiht dessen Chronik schon renaissancehafte Züge" (Sp. 193). Seine 'Chronik' findet handschriftlich bis ins 18. Jahrhundert Verbreitung. So schreibt u.a. der Arzt und Historiker Oswald Gabelkover (1539-1616), der seit 1580 württembergischer Leibarzt in Stuttgart war, noch Teile der Chronik ab.

    Neben seiner Faszination für Astrologie lässt ein Blick in Matthias' private Bibliothek eine starke Beschäftigung sowohl mit den antiken Autoren als auch den italienischen Humanisten (wie etwa Leonardo Bruni, Francesco Petrarca und Enea Silvio Piccolomini) erkennen. Aus diesen antiken und humanistischen Schriften fertigte er Exzerpte an und fügte sie später seiner 'Chronik' ein, die sich literarisch wie formal an antiken Vorbildern orientierte. So kompilierte er u.a. Auszüge aus Valerius Mamimus und der 'Historia Bohemica' des Enea Silvio Piccolominis, die später auch Hartmann Schedel für sein 'Liber Chronicarum' (vgl. MRFH 40303 benutzte. Schedel fertigte sich im übrigen eine Teilabschrift von Matthias' Chronik an, die sich als Autograph im Münchener Clm 338 (MRFH 10720) erhalten hat.

    Als Geschichtsschreiber und Literat erkannte er schön früh den Wert von Klosterbibliotheken für die Pflege und Verwahrung des kulturellen Erbes. So führte ihn seine Liebe zu den Texten der klassischen Antike nach Lorsch, um dort vergessene Manuskripte wiederzuentdecken. Es ist zu vermuten, dass Matthias von Kemnat auch in anderen Klöstern nach alten Texten forschte und sie für seine Geschichtsstudien fruchtbar machte.

    Nach einem langjährigen Gichtleiden starb Mathias von Kemnat am 1. April 1476. Wenige Monate später, am 12. Dezember 1476, starb sein Gönner Kurfürst Friedrich der Siegreiche.

    Überarbeitete Fassung aus:
    Studt, B. / Worstbrock, F. J.: Matthias von Kemnat. In: 2VL 6 (1987), Sp. 186-194. [Korr.] in 2VL 11 (2004), Sp. 981.

    Verf.: sl / cbk.

    Schreiber und Besitzer von Handschriften:

    Besitzer von Handschriften:

    Literatur:

    Graf, K.: "Matthias von Kemnat". In: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 410f. (online).
    Studt, B. / Worstbrock, F. J.: Matthias von Kemnat. In: 2VL 6 (1987), Sp. 186-194. [Korr.] in 2VL 11 (2004), Sp. 981.
    Studt, B.: Fürstenhof und Geschichte. Legitimation durch Überlieferung (Norm und Struktur. Studien zum sozialen Wandel in Mittelalter und früher Neuzeit 2). Köln u.a. 1992.

    Bildgroßansicht

    Deutsche Widmung in der 'Chronik' des Matthias von Kemnat, überliefert in der Handschrift Heidelberg, UB, Cod. Heid. N.F. 9, Abb. Bl. 1v. Quelle: Universit√§tsbibliothek Heidelberg: Heidelberger historische Best√§nde — digital (online zur Hs.).

    Bildgroßansicht

    Matthias von Kemnat: 'Chronik', überliefert in der Handschrift Heidelberg, UB, Cod. Heid. Hs. 3599, Abb. Bl. 11r. Quelle: Universit√§tsbibliothek Heidelberg: Heidelberger historische Best√§nde — digital (online zur Hs.).

    Version vom 20. 04. 2014 (MRFH). Permanent Link: mrfh.de/0019.